Die Nacht haben wir bei unseren guten Freunden Markus und Sabrina in Schübelbach verbracht, damit wir nicht ganz so früh in Basel losmüssen. Um 8 Uhr fahren wir zu viert mit dem Auto von Markus los, und um 11 Uhr sind wir in Sfazù an der Strasse über den Berninapass. Hier beginnt das Val da Camp, ein Seitental des Valposchiavo, das auf drei Seiten von Italien umgeben ist. Ins Tal fahren nur Autos mit Bewilligung, von Ende Mai bis Ende Oktober ausserdem ein Kleinbus von Postauto, für den man einen Platz reservieren muss. Wir lassen das Auto in Sfazù stehen und gehen zu Fuss.
Durch die Lärchen zum Lagh da Saoseo
Statt der Naturstrasse nehmen wir den Wanderweg durch den Wald. Er führt durch Lärchen- und Arvenwälder, viele Lärchen sind schon gelb, und es ist wunderschön. Die Lärche ist der einzige einheimische Nadelbaum, der im Herbst seine Nadeln verliert, vorher färben sie sich gelb. Am häufigsten ist im Tal allerdings die Arve. Für heute ist leichter Regen gemeldet, und unterwegs regnet es auch ein wenig.
Als wir beim Lagh da Saoseo ankommen, hört es auf zu regnen. Über den Bergen hängen noch Wolken, und wir geniessen diese Stimmung. Der See ist fast spiegelglatt, die Lärchenwälder am Ufer und die Berge dahinter spiegeln sich vollständig darin. Vom Nordufer sehen wir über dem Wald die frisch verschneiten Zacken der Scima da Saoseo und den grauen Felsstock der Scima da Rügiul. Der Lagh da Saoseo liegt auf 2028 Metern in einer bewaldeten Mulde. Er ist nur etwa zweieinhalb Hektaren gross, aber bis zu 17 Meter tief und bekannt für sein kräftiges Blau. Erreichen kann man ihn nur zu Fuss. Wir setzen uns ans Ufer und packen unser Picknick aus.
Wir lassen die Drohne steigen. Von oben sieht man, wie rund der See im Wald liegt und wie türkis das Wasser ist. Nahe dem Nordufer ragt ein grosser Felsblock als kleine Insel aus dem See, und dahinter steigt das Tal unter den Wolken weiter an.
Danach gehen wir ein kleines Stück weiter zur Alp Camp. Auf dem Weg dorthin sehen wir über den Lärchen einen Grat, auf dem frischer Schnee liegt. Das Ristoro Alpe Campo steht auf 2065 Metern am Ende der Postautolinie, ein Haus aus Stein und Kalk. 2026 hat es vom 13. Juni bis 18. Oktober offen, ausser am Mittwoch. Wir trinken Möhl aus der Mosterei in Arbon, die seit 1895 Saft aus Äpfeln macht, und essen Bündner Nusstorte. Ihr Vorbild ist die tarte aux noix aus Südwestfrankreich, die aber keinen Teigdeckel hat. Ende des 19. Jahrhunderts liessen sich die Bündner Bäcker Heinz und Tester in ihrer Bäckerei in Toulouse von ihr inspirieren. Bei ihnen arbeitete Fausto Pult, der die Nusstorte ab 1926 in seiner eigenen Bäckerei in Samedan backte und 1934 an der Mustermesse in Basel bekannt machte.
Ein Abend im Rifugio Saoseo
Von der Alp Camp ist es nicht mehr weit bis zu unserer Unterkunft, dem Rifugio Saoseo auf 1985 Metern. Die Hütte der SAC-Sektion Bernina steht in Lungacqua, ist von Anfang Juni bis Ende Oktober bewartet und war früher ein Bauernhaus. Die Casa Lungacqua wurde 1935 für 18 Kühe gebaut, Ende der 1930er-Jahre mietete der SAC einen Teil davon. Von 1940 bis 1957 war im anderen Teil die Grenzwacht untergebracht, und später soll es in Lungacqua einen Austauschplatz für Schmuggler aus Italien gegeben haben. Neben der Hütte stehen auf der Wiese von Lungacqua noch weitere Häuser aus Stein.
Wir checken ein und richten uns in unserem Viererzimmer ein. Die Hütte hat 50 Schlafplätze in Mehrbettzimmern und im Matratzenlager, und in unserem Zimmer gibt es sogar Strom. Kurz darauf haben wir einen kleinen Zwischenfall mit einem Käse aus unserem Proviant. Er stinkt so penetrant nach Furz, dass wir ihn schleunigst nach draussen auf den Fenstersims verfrachten.
Dann gibt es auch schon Abendessen, in der Hütte immer um 19 Uhr. Heute ist sie fast ausgebucht, deshalb ist das Menü einfach: Zuerst eine Bouillon mit Croutons, dann Spaghetti mit Tomatensauce oder Bolognese und zum Dessert Zitronenmuffins. Nach dem Dessert spielen wir dreimal Brändi Dog, das es in der Hütte in der kleinen XS-Ausgabe gibt. Brändi Dog ist eine in der Schweiz beliebte Abwandlung von Eile mit Weile, gespielt wird mit Karten statt mit Würfeln. Hergestellt wird es von der Stiftung Brändi, die Menschen mit Beeinträchtigung Arbeit gibt. Dazu trinken wir noch einen Grappa.
Sterne über dem Val da Camp
Ab 22 Uhr ist Nachtruhe. Bevor wir ins Zimmer gehen, stehen wir noch draussen und schauen in den Himmel. Der Sternenhimmel ist unglaublich, denn hier gibt es kaum Lichtverschmutzung. Das ist in der Schweiz selten geworden. Laut dem Bundesamt für Umwelt war natürliche Dunkelheit 1994 noch auf 28 Prozent der Landesfläche zu beobachten, 2009 nur noch auf 18 Prozent. Das Licht, das nach oben abstrahlt, hat sich zwischen 1994 und 2020 mehr als verdoppelt. Dazu ist heute um 17:50 Uhr Neumond, kein Mond hellt den Himmel auf.
Wir hoffen sogar ein wenig auf Polarlichter. Die Polarlichtaktivität ist heute sehr hoch, am frühen Abend erreicht der Kp-Index, der die Störung des Erdmagnetfelds misst, den Wert 7. Das gilt als starker geomagnetischer Sturm. Ausgerechnet jetzt, wo wir nicht mehr im Norden sind, ist die Aurora so aktiv. Echt frech von ihr. Auf dem Foto, das wir um halb elf machen, ist allerdings kein Polarlicht zu erkennen. Dafür zieht die Milchstrasse mit ihren dunklen Staubbändern quer über den Himmel, und oben rechts ist als kleiner ovaler Fleck die Andromedagalaxie zu sehen. Sie ist 2.5 Millionen Lichtjahre entfernt und bei guten Bedingungen sogar mit blossem Auge als schwaches Leuchten zu erkennen.
Dann gehen wir in unser Zimmer, kuscheln uns in unsere Hüttenschlafsäcke und versuchen zu schlafen.
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