Für heute ist nochmals schönes Wetter gemeldet, zumindest für einen Teil des Tages. Das wollen wir ausnutzen, und so machen wir nach dem Frühstück noch einmal eine Wanderung. Es geht auf den Vetten, einen 467 Meter hohen Berg bei Bø. Laut einem Tourenvorschlag auf ut.no hat er seinen Namen von einem Leuchtfeuer, das hier oben früher angezündet wurde. Markierte Wege führen von Steine und von Straume hinauf, und wir parken beim Wanderparkplatz für den Vetten.
Die Wanderung ist sehr einfach. Zuerst folgen wir einem Kiesweg, der nach und nach zu einem Pfad durchs Gras wird. Ganz oben wird es steiniger, aber immer noch leicht, klettern müssen wir nirgends. Das Gras leuchtet goldgelb, und ringsum stehen spitze Berge.
Schüsse kurz vor dem Gipfel
Kurz vor dem letzten Aufstieg hören wir plötzlich Schüsse. Es sind vier, und wir fragen uns, was da oben los ist. Ein Schild, das vor einer Jagd warnt, haben wir nirgends gesehen. Verunsichert bleiben wir zuerst stehen, und dann sehen wir einen Mann mit einem Gewehr laufen. Wir wissen nicht, was da vor sich geht, und kehren um.
Auf dem Rückweg kommen uns zwei norwegische Männer entgegen, die ebenfalls auf den Vetten wollen. Wir fragen sie, ob sie etwas über die Schüsse wissen. Sie sagen, dass dort oben Auerhühner oder Schneehühner gejagt werden. Die Jagd auf Moorschneehühner und Alpenschneehühner ist in Norwegen laut der Umweltdirektion Miljødirektoratet ab dem 10. September offen und dauert bis in den Winter. Auerhühner dürfen vom 10. September bis zum 23. Dezember gejagt werden. Auf der offenen, baumlosen Höhe dürften es eher Schneehühner sein.
Wir kommen mit den beiden ins Gespräch. Sie sind sehr nett und stammen von hier. Sie fragen, woher wir kommen, und dann: «How did you end up here?» Wir erzählen, dass wir den Norden sehr lieben und auch die Landschaft hier oben. Das verstehen sie, sagen aber auch, dass es in der Schweiz ja auch tolle Berge gebe, und da können wir nur zustimmen. Zum Glück sei es bei ihnen nicht so touristisch wie auf den Lofoten, meinen sie. Wieso es dort so gemacht wird, verstehen sie nicht richtig, und sie hoffen, dass es in den Vesterålen anders bleibt.
So ist es hier tatsächlich gerade. Es gibt kaum Menschen, und Touristen haben wir noch keine entdeckt. Auf unseren Wanderungen sind uns nur Norweger begegnet, die uns auf Norwegisch grüssen. Die einzige Ausnahme war der Wanderer aus China auf dem Måtind, aber der studiert hier, also zählt er nicht.
Rundblick vom Vetten
Weil uns die beiden wegen der Schüsse beruhigt haben, gehen wir doch noch weiter. Oben staunen wir nicht schlecht. Vor uns liegt ein Rundblick über 360 Grad mit unglaublich vielen Bergspitzen, darunter die Lofoten. Der Gipfel selbst sieht aus wie eine Mondlandschaft, grau und steinig, mit kleinen Seen weiter unten auf der Hochebene. Beim Wegweiser auf dem Gipfel steht «Vetten 467 moh.», und weiter geht es von hier in drei Kilometern auf den Lynghaugtinden.
Zum ersten Mal auf dieser Reise sehen wir in der Ferne auch Windräder. Welche es genau sind, wissen wir nicht. Der nächste Windpark ist Ånstadblåheia bei Sortland mit 14 Windrädern, seit 2018 in Betrieb. Wind spielt in Norwegen aber nur eine kleine Rolle, denn der Strom kommt vor allem aus Wasserkraft. Laut dem Statistikamt SSB stammten im Dezember 2025 knapp 88 Prozent des Stroms aus Wasserkraft und knapp 11 Prozent aus Wind. Anfang 2025 gab es laut Energifakta Norge im ganzen Land 65 Windparks mit zusammen 1392 Windrädern.
Von oben sehen wir auch wieder die Insel Gaukværøya, die wir schon vom Skårvågsfjellet aus gesehen haben. Einer der beiden Norweger meinte, dort hätten einmal 1000 Menschen gewohnt. Die Quellen, die wir für den Beitrag von vorgestern gelesen haben, sagen etwas anderes. Um 1910 lebten auf Gaukværøya etwa 130 Menschen vom Fischfang. Ab 1946 zogen immer mehr Familien nach Langøya, und 1953 rissen die letzten drei Familien ihre Häuser ab und nahmen sie mit. Seither ist die Insel unbewohnt.
Neben dem Gipfel steht eine kleine Hütte, die Vettenbua. Sie ist offen, und jeder darf hinein. Vor der Hütte liegt eine lustige Tafel. Darauf steht in Mundart: «Historisk plass. Akkurat her, om ættemeddagen dein 14. juli 2021, klarte en mainn å vinn en diskusion med kjæringa.» Übersetzt heisst das: «Historischer Ort. Genau hier, am Nachmittag des 14. Juli 2021, gelang es einem Mann, eine Diskussion mit seiner Frau zu gewinnen.» Natürlich schauen wir uns die Hütte auch von innen an. Drinnen steht ein Tisch, am Fenster hängt eine norwegische Fahne, und durch das Fenster sehen wir aufs Meer hinaus.
Als es zu winden beginnt, machen wir uns auf den Rückweg. Wir kommen ohne Regen wieder beim Auto an.
Der letzte Abend
Danach kaufen wir noch ein. Viel ist es nicht, nur Knäckebrot und indische Saucen, denn Annina liebt die Korma-Sauce von SaritaS. In der Schweiz gibt es sie nicht zu kaufen, deshalb nehmen wir hier welche mit. Hinter der Marke steht Sarita Sehjpal, die im Januar 1972 als Fünfjährige mit ihrer Familie aus Shimla in Nordindien nach Norwegen kam. 1995 eröffnete die Familie in Kristiansand das Restaurant Mother India, das Sarita mit ihrem Bruder Raj Sharma führt. Nach dessen Rezepten entstehen auch die Saucen. Eine Zeit lang gehörte die Marke dem Konzern Orkla, 2020 kauften die Gründer sie zurück. Die Korma ist mild, mit Kokos und Koriander, und die Gewürzmischung steckt separat im Deckel. Verkauft wird sie in Norwegen unter anderem bei Meny, Kiwi, Rema 1000 und Coop. Dazu kommen ein paar Snacks als Souvenirs fürs Büro. Zurück in unserer Unterkunft putzen wir die Wanderschuhe. Hier oben brauchen wir sie leider nicht mehr, denn morgen geht es zurück nach Hause.
Zum Abendessen machen wir alle Reste, die von den Abendessen der letzten Tage oder sonst noch übrig sind. Dann packen wir die Koffer und räumen die Unterkunft auf. Morgen geht es früh los. Spätestens um 6 Uhr wollen wir losfahren, denn bis zum Flughafen haben wir noch drei Stunden Fahrt vor uns.
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