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Ein gezackter Felsgrat im goldenen Abendlicht fällt ins Meer ab, dahinter die dreieckige Vogelinsel Bleiksøya, vom Måtind aus

Wale, Wellen und Måtind im letzten Licht

Mit dem RIB-Boot zu den Pottwalen vor Andenes, ein Umweg um ganz Andøya, am Nachmittag auf den Måtind und im Mondlicht hinunter.

Kurz & knapp

Eine Baustelle schickt uns einmal um ganz Andøya, und wir kommen als Letzte zur Walsafari in Andenes. Mit zwei RIB-Booten geht es über hohe Wellen hinaus zu den Pottwalen, vier sehen wir abtauchen. Am Nachmittag steigen wir auf den Måtind, sehen Schneehühner und den Sonnenuntergang über Bleiksøya und fahren danach weiter nach Bø.

Land:
Norwegen
Datum:
30. September 2026
Bilder:
21
Inhalt 2 Abschnitte
  1. Mit dem RIB-Boot zu den Pottwalen
  2. Måtind im Abendlicht

Wir zwei sind ja generell häufig im Stress oder zu spät, und dieser Tag ist keine Ausnahme. Für den Morgen haben wir bei Whale2Sea in Andenes eine Walsafari gebucht, also heisst es früh packen, aufräumen und auschecken. Losfahren tun wir natürlich trotzdem eine Viertelstunde später als geplant.

Weit kommen wir nicht. Nach etwa drei Kilometern steht ein Auto quer auf der Strasse, weil sie wegen Bauarbeiten gesperrt ist. Kein Durchkommen. Also fahren wir einmal um ganz Andøya herum, rund eine Stunde Umweg. Bei Whale2Sea nimmt so früh noch niemand ab, und auf unsere Mail kommt keine Antwort. Nicolas holt unterwegs etwas Zeit heraus, und so stehen wir um 9.30 Uhr statt um 9.15 Uhr in Andenes. Eigentlich gar nicht schlecht. Nur warten alle anderen schon, und wir sind mit Abstand die Letzten.

Mit dem RIB-Boot zu den Pottwalen

Nach einer kurzen Einführung bekommt jeder einen speziellen neongelben, wasserabweisenden Thermoanzug, denn draussen auf dem Wasser wird es kalt. Dann geht es in zwei kleinen RIB-Schlauchbooten mit hydraulischen Sitzen los, jedes mit Kapitän und Guide an Bord. Schon die halbe Stunde Fahrt hinaus ist ein Erlebnis für sich. Bei zwei bis vier Meter hohen Wellen kommt richtiges Europa-Park-Feeling auf, und manchmal fühlt es sich an wie ein Ritt im Galopp übers Meer. Wir haben jedenfalls riesigen Spass.

Mit dem RIB-Boot vor Andenes · 3 Bilder

Entdeckt haben wir die Wale immer zuerst an ihrem Blow. Beim Ausatmen schnaufen sie das Wasser als Wolke in die Luft. Den ersten sieht Annina schon von Weitem, kurz darauf auch eine Flosse. Weil dieser Wal noch recht weit weg ist, orten die Guides mit ihrem Hydrofon weitere Tiere. Vor Andenes liegt nämlich der Lebensraum der männlichen Pottwale. Unser Guide schreibt gerade seine Doktorarbeit über Pottwale und weiss entsprechend viel. Kleiner Fun Fact von ihm: Pottwale erzeugen Laute mit bis zu 220 Dezibel, so laut wie ein Düsenjet. Mit diesen Klicks orten sie in der stockdunklen Tiefe ihre Beute, vor allem Tintenfische, ähnlich wie Fledermäuse mit ihrem Echo. Gejagt wird meist in 400 bis 1’200 Metern Tiefe. Ist ein Wal mit der Jagd fertig und steigt wieder auf, verstummt er. Der Aufstieg dauert meist sechs bis elf Minuten und verläuft still, und an der Oberfläche braucht er die Klicks nicht, dort atmet er nur durch. Für die Guides ist das praktisch: Verstummen die Klicks im Hydrofon, taucht der Wal bald auf. Über das Hydrofon wissen die Guides genau, wie tief ein Wal gerade ist und wie weit er vom Boot entfernt ist. So können wir einzelne Tiere richtig verfolgen, allerdings immer mit viel Abstand. Das Wohl der Wale steht hier über allem.

Auf Walsuche vor Andenes · 2 Bilder

Der Guide erzählt uns, dass das Meer unter uns hier etwa 600 bis 800 Meter tief ist. Vor Andøya liegt die Kante des Kontinentalschelfs so nah an der Küste wie kaum sonst irgendwo in Norwegen. Dahinter fällt der Meeresboden steil ab, und in der Unterwasserschlucht Bleiksdjupet geht es über 1’000 Meter hinunter. Aus der Tiefe kommt nährstoffreiches Wasser nach oben, und davon leben Fische, Seevögel und eben auch die Pottwale, die hier nach Tintenfischen tauchen. Am Meeresgrund wachsen Kaltwasserkorallen, Korallenwälder und Schwammwälder, die es sonst nur in viel grösserer Tiefe gibt. Erst am 18. September 2026, also vor knapp zwei Wochen, hat Norwegen das Gebiet als Meeresschutzgebiet Andfjorden unter Schutz gestellt. Mit 1’848 Quadratkilometern ist es das bisher grösste Meeresschutzgebiet des Landes.

Er erzählt auch, dass einer der Pottwale, die sie hier mit einem Sender markiert haben, bis nach Brasilien geschwommen ist, um sich dort mit einem Weibchen zu paaren. Dazu gibt es eine Studie, die 2025 erschienen ist. Zwischen 2020 und 2023 haben Forschende des Norwegischen Polarinstituts und der Universität Tromsø zusammen mit Whale2Sea 29 Pottwalbullen vor Nordnorwegen und Svalbard Satellitensender angebracht. Zwölf davon zogen nach Süden und verteilten sich über den Atlantik, vom Meer vor den Kanaren und Kapverden bis in die Nähe der Karibik und Brasiliens. Am weitesten kam ein Bulle, der seinen Sender im März 2023 vor Andenes bekam. Er war an seinem entferntesten Punkt fast 8’000 Kilometer Luftlinie von hier weg und kam nach einer Reise von 175 Tagen und knapp 17’700 Kilometern zurück in den Norden. Bis in den hohen Norden kommen nur die erwachsenen Bullen, um zu fressen. Die Weibchen bleiben mit den Jungtieren in Gruppen in wärmeren Gewässern, und dort paaren sich die Pottwale auch.

Wie ein Pottwal ohne GPS über so eine Strecke den Weg findet, weiss niemand genau. Eine verbreitete Vermutung ist ein Magnetsinn. Grosse Tümmler schwimmen im Becken deutlich schneller auf einen Behälter mit starkem Magneten zu als auf einen sonst gleichen ohne. An der Ostküste der USA stranden Wale und Delfine gehäuft dort, wo das Magnetfeld schwächer ist als ringsum, und Grauwale stranden mehr als viermal so oft, wenn ein starker Sonnensturm vorherrscht. Buckelwale halten auf ihren Wanderungen aber oft über mehr als 200 Kilometer einen Kurs auf ein Grad genau, auch bei wechselnden Strömungen. Weil das Magnetfeld der Erde schwankt, lässt sich das nach Ansicht der Forschenden mit einem Magnetsinn allein kaum erklären. Möglicherweise kombinieren Wale mehrere Hinweise, etwa das Magnetfeld und den Stand der Sonne.

Nach dem ersten sehen wir noch drei weitere Wale. Jeder macht sich mit seinem Blow bemerkbar, bleibt ein paar Minuten an der Oberfläche und taucht dann wieder ab, wobei sich jedes Mal wunderschön die Schwanzflosse zeigt. Fotos zu schiessen versuchen wir natürlich, und ein paar sind auch etwas geworden. Die Wale sind zwar eher weit weg, aber das ist völlig in Ordnung. Sie sollen ja keine Angst bekommen.

Mit ordentlich Tempo geht es zurück Richtung Land. Inzwischen ist uns ziemlich kalt, und nach dem ganzen Durchschütteln sind wir froh, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben und ins Warme zu kommen. Wir gehen also schnurstracks in ein Café. Dort gibt es eine Zimtschnecke für Nicolas, ein Eier-Sandwich und einen Cappuccino für Annina.

Auf der Rückfahrt nach Andenes · 2 Bilder

Måtind im Abendlicht

Weil das Wetter endlich einmal richtig mitspielt, hängen wir am Nachmittag noch eine Wanderung auf den Måtind an, eine der bekanntesten Touren hier oben auf Andøya. Nach rund 450 Höhenmetern und etwa eineinhalb Stunden stehen wir auf dem Gipfel. Der Aufstieg ist ein typisch norwegischer Trail. Stellenweise müssen wir klettern und uns den Weg selbst suchen, aber inzwischen haben wir den Dreh raus.

Wir haben Glück und kommen genau zur Sonnenuntergangsstimmung oben an. Die Aussicht ist noch besser als erhofft. Links liegt der Strand von Bleik, rechts eine eindrückliche Felsformation und dahinter die dreieckige Vogelinsel Bleiksøya.

Aussicht vom Måtind · 3 Bilder
Bleiksøya und die Felsen am Måtind · 3 Bilder

Als Highlight entdecken wir dann noch Schneehühner, die wir vor der Bergkulisse fotografieren können. Ansonsten sind wir fast allein mit der Natur, nur ab und zu kommen ein, zwei Leute vorbei.

Schneehühner auf dem Måtind · 2 Bilder

Der Abstieg ist dann etwas kniffliger, aber sehr schön mit der Mondstimmung, die sich uns bietet. Nicolas hat nur seine Sonnenbrille eingepackt, was bei untergehender Sonne eher wenig hilft, und gegen Ende wird es ziemlich dunkel. Nach einer kurzen Kletterpartie über lose Steine geht es aber gut hinunter, und wir kommen heil unten an.

Mondstimmung beim Abstieg vom Måtind · 3 Bilder

Auf der Fahrt unten sehen wir nochmals eine unglaubliche Sonnenuntergangsstimmung mit Blick auf die dreieckige Vogelinsel Bleiksøya.

Jetzt sitzen wir im Auto und haben noch rund drei Stunden Fahrt bis Bø vor uns, wo unser nächstes Airbnb wartet. Es soll bedeckt sein, mit Nordlichtern rechnen wir heute also eher nicht mehr. Aber wer weiss, was dieser Tag noch bringt.

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